Weniger ist mehr. Viel mehr!

"Was haben wir früher, ohne Kind, an den Wochenenden eigentlich mit so viel Zeit gemacht?“, fragten wir uns kürzlich. Erstaunlich, dass wir manchmal nicht dazu kamen, das Badezimmer zu putzen, Staub zu saugen oder die gewaschenen Kleider zu falten. 

 

 

Heute steht einer von uns spätestens um sieben auf, der andere eine halbe Stunde später, weil Joaquin die lauten Töne entdeckt hat und unsere Altbauwände so gut schallisolieren wie eine spanische Wand. Bis Mittag haben wir schon zwei Spiel-Sessions absolviert, alle haben ein bis zweimal gegessen, oft ist der Einkauf schon erledigt, Kinderkleider sind gewaschen und der Brei vorgekocht. Wie gesagt, dann ist erst Mittag. Um diese Zeit bin ich früher aufgestanden.

 

Mir fehlt es, viel freie Zeit zu haben. In den Tag hineinzuleben, ungestört die Zeitung zu lesen, mich nach dem Frühstück noch mal ins Bett zu legen, tagsüber Netflix-Serien zu schauen (derzeit gerade La Casa de Papel), mich spontan mit Freunden zu treffen oder ins Yoga zu gehen, ohne mich vorher mit Renato abzusprechen. Auch die Ruhe zum Meditieren fehlt mir. Und wenn Joaquin dann abends im Bett ist, bin ich zu müde, um mich noch aufrecht auf mein Kissen zu setzen, ohne vornüber zu kippen.

 

Dieser Umstand frustrierte mich, machte mich unzufrieden. Also nahm mir vor, wieder mehr Dinge zu tun: Ich wollte mehr lesen, mehr Sport treiben, mehr Zeit ohne Joaquin dafür mit Freunden verbringen, mehr yogieren und meditieren. Und ich scheiterte grandios: Ich schaffte nicht annähernd, was ich mir vorgenommen hatte. Und wurde noch frustrierter.

 

Eine neue Strategie musste also her, um auf dem Leiterlispiel des Mutterseins nicht immer wieder auf Feld eins zurück zu sausen. Qualität statt Quantität, so sollte das neue Motto lauten.

Ich kündigte Zeitungs- und Zeitschriftenabos (ja, mein Journalistenherz tut weh) und lese derzeit einzig die NZZ am Sonntag und gelegentlich Online-Artikel der Republik. Auf meinem Nachttisch liegt ein einziges Buch, damit mich kein Stapel daran erinnert, wie wenig ich lese. Ich besuche meist nur eine, höchstens zwei Yogaklassen pro Woche, dafür ausschliesslich bei Lehrern, die ich richtig gut finde und die mich inspirieren. Ich habe mich von der Idee verabschiedet, in den nächsten ein bis zwei Jahren Yoga-Retreats und Weiterbildungen zu absolvieren. Stattdessen überlegte ich mir, was mir am wichtigsten ist. Es ist meditieren auf dem Beatenberg. Ich peile ein Dreitages-Retreat über Pfingsten an. Nächstes Jahr. Ja, das ist noch lange hin, aber ich freue mich darauf und habe jetzt nicht mehr das Gefühl, ständig schauen zu müssen, welche Workshops gerade ausgeschrieben sind.

 

Zudem habe ich beschlossen, meine Yogastunde, die ich unterrichte, aufzugeben. So viel Freude sie mir auch macht: Derzeit reicht die Kapazität nicht aus. Und nie und nimmer möchte ich, dass Yoga etwas wird, das ich muss und das mich beschwert. Drum: Weg damit.

 

Ich meditiere jetzt oft auf dem Weg zur Arbeit. Dafür nutze ich die App Insight Timer und wähle eine geführte Meditation (derzeit: Chakra-Meditationen). Natürlich erreiche ich nicht höchste spirituelle Sphären, wenn ich im Bus den Knoblauchatem meines Sitznachbarn rieche oder mir jemand auf die Füsse steht. Aber immerhin stiere ich in dieser Zeit nicht auf mein Handy, übe stattdessen Achtsamkeit und fokussiere auf meine Atmung. So schaffe ich es, tatsächlich jeden Tag zu meditieren.

 

Und ich treffe weniger Freunde. Lieber mache ich regelmässig mit meinen fünf Lieblingsmenschen ab, anstatt mich in sozialen Verpflichtungen zu verlieren. Und zu Pflichten sollten solche Treffen ja sowieso nicht werden. Das ist nicht einfach und mag manche Menschen vor den Kopf stossen. Das tut mir leid. Doch längerfristig ist es unvermeidlich.

 

Auch hier, auf meinem Blog, ist es viel ruhiger. Dafür schreibe ich heute einen  längeren Text, der mir am Herzen liegt. Dadurch, dass ich weniger Zeit habe, gehe ich bewusster damit um. Das hätte ich schon viel früher lernen sollen. Danke, Joaquin!

 

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