Schlangenmenschli

Am Montag ging ich zur Kontrolle ins Triemli Spital. Was ich dort zu hören bekam, war alles andere als erfreulich.

 

 

Die Ärztin verteilte das Gel auf meinem Bauch und liess dann den Ultraschallkopf darüber gleiten. Ich war im Triemli für eine Routine-Kontrolle. Als die Ärztin, die ich zum ersten Mal sah, aber die Stirn runzelte und auffallend schweigsam war, wurde mir ein bisschen mulmig. Ich konnte zwar nicht richtig auf den Bildschirm sehen, aber ich fürchtete der Grund für ihre Verwirrung zu kennen: Das Babyköpfchen war nicht in meinem Becken, sondern zeigte munter auf die linke Seite. 

 

"Sie, der liegt quer", sagte sie schliesslich. Also doch. Das durfte doch nicht war sein! Ich hatte es nicht gemerkt und mich darauf verlassen, dass der Junge schon richtig liegt, war er doch bei der letzten Untersuchung kopfüber gesehen worden.

Die Ärztin runzelte weiter Stirn. "Sehr seltsam", sagte sie, "ich kann seine Beinchen nirgends sehen. Ich werde jetzt die Oberärztin holen." Mir stand der Schweiss auf der Stirn und schwindelig war mir auch. Die Ärztin reichte mir einen Becher mit Wasser, bevor sie mich alleine liess. Mir war zum Heulen zumute. Ich hatte mich so sehr auf eine spontane Geburt gefreut, habe fleissig Himbeerblätter-Tee getrunken, Sitz-Dampf-Bäder mit Heublumen genommen und meinen Damm massiert. Die Tasche mit Snacks für Renato und mich war gepackt, die Geburts-Playlist gespeichert und wir warteten nur darauf, dass die Wehen einsetzen. Und plötzlich: alles anders....

 

Die Oberärztin nahm sich mich meiner an und konnte nur bestätigten: der Junge liegt alles andere als optimal für eine Spontangeburt. Wenigstens fand sie seine Beine. Und dann prasselten ganz viele Fragen auf mich ein: Wann war der letzte Ultraschall? Gab es Auffälligkeiten bisher? Wollen Sie den Jungen von aussen zu wenden versuchen und einen Notfall-Kaiserschnitt riskieren? Falls das Wenden nicht möglich ist, wollen Sie trotz Steisslage eine Vaginalgeburt versuchen? Plötzlich rannen mir Tränen über die Wangen. Ich fühlte mich überfordert und alleine. Ausgerechnet heute war Renato – zum ersten Mal – bei der Untersuchung nicht dabei. 

 

Ich atmete ein paar Mal tief durch und vereinbarte einen Termin für den Versuch der äusseren Wendung. Dabei würde ein ganzes Team bereit sein. Einerseits die Hebammen, dann die Anästhesisten und der Arzt, der die Wendung versucht. Sollte etwas schief gehen und sich meine Plazenta ablösen, würde ich nullkommaplötzlich in den Operationssaal geschoben und per Kaiserschnitt Mutter werden. 

 

Zu Hause liess ich meinen Gefühlen Raum und heulte nur noch. Auch in der Nacht, als ich aufwachte und nicht mehr schlafen konnte, waren die Tränen wieder da. Ich war so unglaublich traurig. Ich hatte mir die Geburt so oft vorgestellt und nun sollte mir das einfach genommen werden? Ich wusste, es führte kein Weg daran vorbei, die Tatsache zu akzeptieren. Doch es wollte mir einfach nicht gelingen, obwohl ich genau das doch in der Meditation immer übte. Darüber war ich noch enttäuschter: Über meine eigene Reaktion, die mir so kindisch und gar nicht Yogi-like erschien. Ich hatte das Gefühl, auf der ganzen Linie versagt zu haben: Wahrscheinlich hatte ich irgendetwas falsch gemacht, dass sich der Junge drehte wie auf einem Karussell und dann konnte ich nicht einmal die Konsequenzen ordentlich tragen. Ich war am Boden zerstört. 

 

Während gestern 1.-August-Feuerwerke den Nachthimmel erleuchteten, sass ich auf dem Balkon und fand inmitten des Krach endlich etwas innere Ruhe. Ich hielt Zwiesprache mit dem Baby, erklärte ihm, was gerade abgeht und dass wir Beide das packen, dass er früher oder später bei uns sein wird, auf welchem Weg auch immer. Ich sang mein Mantra "Asato Ma" und gewann etwas Zuversicht zurück. Und freute mich: Vielleicht würde ich schon am nächsten Tag Mami sein. 

 

Ich schlief erstaunlich gut. Nervös waren wir dann doch, als wir heute morgen um acht im Triemli sassen und warteten. Schliesslich wurden wir in ein Zimmer gebeten, doch die Hebamme rannte sofort wieder raus, während sie  rief: "Ich komme gleich wieder, ein Notfall!" Wir setzten uns in dem kleinen Tristen Zimmerchen und hörten eine Frau schreien. Immer und immer wieder. Mir wurde ein bisschen übel. 

 

Schliesslich kam eine andere Hebamme zurück, zapfte mir von einer Vene auf dem Handrücken Blut ab und legte mir einen Zugang. Und schliesslich kam der Arzt, der unserem Baby in die Pole-Postition verhelfen soll. Bevor er Hand anlegte, machte er einen Ultraschall. Und grinste: "Job erledigt. Der Junge hat sich bereits gedreht und liegt mit dem Kopf nach unten." Ich konnte es kaum glauben. Dieser kleine Lausbub! Die Hebamme meinte: "Da kommt ja was auf Sie zu, wenn der Sie jetzt schon so an der Nase herumführt!" Ich war einfach nur happy und unglaublich stolz auf meinen Sohn, der nun doch noch den Weg gefunden hat.

 

Allerdings ist nicht ganz sicher, dass er auch dort bleibt. Er ist eher klein und offenbar sehr wendig. Es besteht also die Gefahr, dass das kleine Schlangenmenschli noch einmal eine Pirouette dreht. Ich rede ihm jetzt gut zu, dass er es bleiben lässt. Und Renato hat ihm einen Fussball von Nike versprochen. Oder Ballett-Schuhe, falls er lieber solche hätte. 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0